© Prof. Dr. E. Kienzle (Lehrstuhl
für Tierernährung, Tierärztliche Fakultät, LMU München)
Es hat sich herumgesprochen: Junge Hunde brauchen Calcium. Leider weiß
kaum ein Hundezüchter oder -halter, wieviel Calcium sie brauchen
und welche Mengen in welchen Futtermitteln zu erwarten sind. Die Folge
ist, daß Hundebesitzer oft mit tatsächlichen oder vermeintlichen
Calciumquellen herumexperimentieren, wobei nur äußerst selten
eine bedarfsgerechte Versorgung erreicht wird. Besonders häufig kommt
es zu Fehlversorgungen, wenn es die Hundebesitzer besonders gut machen
wollen. Um so mehr wird nämlich varriert und kombiniert und um so
geringer wird die Wahrscheinlichkeit, einen Treffer" zu erzielen.
Sowohl der Calciummangel als auch eine erhebliche Überversorgung
können bei wachsenden Hunden Skeletterkrankungen hervorrufen oder
bestehende Dispositionen verschlechtern. Gerade großwüchsige
Hunderassen sind sehr empfindlich gegen Fehler bei der Calciumversorgung,
während kleinere so etwas eher verzeihen. Und gerade Besitzer großer
Hunde wissen i. d. R. daß sie auf die Calclumversorgung verstärkt
achten müssen, geben sich besondere Mühe und machen schlußendlich
häufiger Fehler als Besitzer kleinerer Hunde. Um Züchtern und
Haltern die Möglichkeit zu geben, ihre Fütterung zu überprüfen,
sollen im folgenden typische Rationen, die zu fehlerhaften Calciumversorgung
führen, beschrieben werden.
1. Calciumüberversorgung:
Calciumüberversorgung entsteht häufig. wenn zu einem Fertigfutter
(Alleinfutter, Vollnahrung) zusätzlich calciumreiche Mineralfutter
gegeben werden. Alleinfutter (Ausnahme: Futter für die Erhaltung.
Diese Produkte sind nur für erwachsene Hunde gedacht und auch so
deklariert) oder Welpenfutter enthalten ausreichend Calcium. Sofern das
Futter ausschließlich gefüttert wird und nicht noch größere
Mengen an Extras wie Fleisch oder Tischabfälle usw. zur Deckung des
Energiebedarfs herangezogen werden, sollte auf keinen Fall Futterkalk
und auch kein zusätzliches Mineralfutter verabreicht werden. Dies
gilt ebenfalls für alle Mittelchen, die, obwohl dies futtermittelrechtlich
ausdrücklich verboten ist, versprechen, daß sie die HD lindern,
sofern diese Produkte Calcium in größeren Mengen enthalten.
Mineralfutter mit wenig Calcium (< 5 %) kann man natürlich auch
zum Fertigfutter zugeben, ohne Schaden anzurichten, letztlich ist es aber
nur eine unnötige Ausgabe. Zur Verdeutlichung einige Rechenbeispiele.
Ein Welpe im Alter von 3 Monaten mit einem augenblicklichen Gewicht von
17 kg und einem zu erwartenden Endgewicht von 60 kg benötigt 8,8
g Calcium pro Tag. Um den Bedarf an Energie zu decken, muß der Welpe
750 bis 800 g eines handelsüblichen kommerziellen Trockenfutters
für Welpen aufnehmen. Solche Produkte enthalten i. d. R. zwischen
1,2 und 1,6 g Calcium pro 100 g. Die Calciumaufnahme beträgt demnach
mindestens 9 und höchstens 12,8 g, der Bedarf ist gedeckt. Wenn jetzt
zwei Eßlöffel Futterkalk zugelegt werden, so werden dadurch
zusätzlich 16 g Calcium verabreicht und die Gesamtaufnahme wird mehr
als verdoppelt. Da Futterkalk nur Calcium, aber keinen Phosphor enthält,
wird ein zuvor ausgeglichenes Calcium-Phosphor-Verhältnis erheblich
verschoben. Der Zusatz calciumreicher Mineralfutter, z. B. zwei Eßlöffel
eines Produktes mit 20 % Calcium und 8 % Phosphor führt ebenfalls
zu erheblicher Calciumüberversorgung, die Aufnahme beträgt dann
immerhin fast 20 g Calcium, Phosphor werden um die 13 g aufgenommen. Bei
jungen Hunden großwüchsiger Rassen wurde nachgewiesen, daß
eine derartige Überversorgung mit Calcium zu verschiedenen Störungen
des Skelettwachstums führen kann. Während des intensivsten Wachstums
werden Überschüsse nicht - wie beim erwachsenen Hund - einfach
wieder ausgeschieden, sondern sie führen zu Regulationsstörungen
des Gleichgewichts zwischen Aufbau und Abbau des wachsenden Knochens.
2. Calciummangel
Bei hausgemachten Rationen ist Calciummangel nicht selten. Alle Futtermittel,
die keine Knochen enthalten, sind calciumarm bzw. nicht ausreichend calciumreich,
um den Bedarf eines wachsenden Welpen einer Riesenrasse zu decken. Dies
gilt auch für Milchprodukte. Aus der Humanernährung übertragene
Vorstellungen, daß ein Schluck Milch oder eine Tablette mit ein
paar Milligramm Calcium zur Calciumversorgung wesentlich beiträgt,
führen hier zu erheblichen Fütterungsfehlern. Schließlich
braucht ein menschlicher Säugling i. a. über 10 Jahre, bis er
ein Gewicht von 60 kg erreicht. Eine Dogge schafft das manchmal in weniger
als einem Jahr. Kein Wunder, daß die Kalktabletten nicht austauschbar
sind. Auch hier zur Verdeutlichung einige Rechenbeispiele: Der oben genannte
Welpe (3 Monate, aktuelles Gewicht 17 kg, erwartetes Gewicht des erwachsenen
Hundes 60 kg) wird mit Fleisch und Getreideflocken gefüttert. Er
benötigt zur Deckung des Energiebedarfs etwa 600 g durchwachsenes
Rindfleisch und 300 g Haferflocken. Das Rindfleich enthält pro 100
g ca. 10 mg Calcium, darüber werden also insgesamt 60 mg zugeführt,
aus den Flocken kommen 240 mg. Mit dieser Ration werden dem Welpen also
nur 300 mg Calcium angeboten, er benötigt aber etwa 8,8 g (= 8.800
mg)! Fleisch und Getreide haben zwar einen Phosphorüberhang, die
Phosphoraufnahme mit dieser Ration beträgt immerhin etwa 2 g. Deshalb
wird das Calcium-Phosphor-Verhältnis mit etwa 0,1 :1 sehr unausgeglichen.
Trotzdem wird der Phosphorbedarf von etwa 4 g aber nur zur Hälfte
gedeckt. Natürlich muß eine solche Ration ergänzt werden,
es reicht aber nicht einfach irgendein Mineralfutter zu geben, sondern
das verwendete Produkt muß genau das ergänzen, was in dieser
Ration fehlt! Würde man z. B. einen Eßlöffel Futterkalk
zugeben, würde zwar der Calciumbedarf in etwa abgedeckt, Phosphor
würde aber weiterhin fehlen, und das Calcium/Phosphorverhältnis
läge bei 4: 1. Verabreicht man statt dessen 10 Kalktabletten mit
je 50 mg Calcium und Phosphor, so ändert sich an der Versorgung nichts
wesentliches (Aufnahme 0,8 g Calcium, 2,6 g Phosphor). Gibt man 40 g (2
Eßlöffel) eines Mineralfutters mit 12 % Calcium und 4 % Phosphor,
so bessert sich die Versorgung mit Calcium erheblich (Aufnahme ca. 5 g
Calcium, Bedarf 8,8 g). Der Calciumbedarf wird jedoch immer noch nicht
gedeckt, während jetzt ausreichend Phosphor zugeführt wird.
Eine bedarfsgerechte Versorgung mit beiden Elementen bei ausgeglichenem
Calcium-Phosphor-Verhältnis wird dagegen erreicht, wenn ein Produkt
mit 22 % Calcium und 8 % Phosphor in einer Menge von 40 g zur Ergänzung
der Ration verwendet wird. Dies darf keinesfalls so verstanden werden,
daß man sich jetzt sagt: "Aha, ein gutes Mineralfutter muß
also 22 % Calcium und 8 % Phosphor enthalten." Zu einer anderen Ration,
die z. B. calciumreiches Welpenfertigfutter enthält, wäre gerade
so ein Mineralfutter ausgesprochen ungünstig. Also nochmals: Das
Mineralfutter muß zur Ration passen. Es gibt kein"bestes"
Mineralfutter für alle Rationen, genauso wenig wie es einen optimalen
Hosenschnitt für alle Menschen geben kann, es gibt immer nur zur
jeweiligen Ration passende oder unpassende Mineralfutter. Um zu überprüfen,
ob das Mineralfutter zur Ration paßt, muß wenigstens überschlägig
nachgerechnet werden. Werbeaussagen für Mineralfutter wie "Calcium
besonders gut bioverfügbar" müssen mit großer Vorsicht
betrachtet werden. Zum einen nutzt es gar nichts, wenn das Calcium besonders
gut verfügbar ist, wenn zuwenig davon im Produkt drin ist, zum anderen
sind die meisten Calciumverbindungen wie z. B. Futterkalk, Calciumphosphat
oder auch Knochemehl bei jungen Hunden recht gut verfügbar. Wenn
also nicht gerade Gips verfüttert wird, dürfte ein Calciummangel
i. d. R. nicht auf einer unzureichenden Verfügbarkeit beruhen, sondern
darauf, daß - wie oben am Beispiel gezeigt - die Ration einfach
nicht genug Calcium enthält. Eine andere Variante der Calciumunterversorgung
ist die Ergänzung von Fertigfuttern mit calciumarmen Zulagen, nach
dem Motto "ein Hund braucht ja auch noch frisches Fleisch" und/oder
"der Züchter hat gesagt, daß er jeden Tag ein Paket Magerquark
haben soll" oder "Distelöl für den Fellglanz"
usw. Solange es sich dabei nur um eine Ergänzung mit geringem Energiegehalt
handelt, spielt das keine Rolle. Aber viele kleine und größere
Extras summieren sich! Der Welpe erhält dann einen erheblichen Teil
seines Energiebedarfs aus calciumarmen Extras. Er frißt entsprechend
weniger Fertigfutter. Gerade wenn der Calciumgehalt der Fertigfutter sehr
genau auf den Bedarf abgestimmt ist, kommt es beim Verschneiden mit calciumarmen
Ergänzungen schnell zur Unterversorgung mit Calcium, eben weil es
genau stimmen würde, wenn der Hund nur Fertigfutter fressen würde.
Als Beispiel: Unser 3 Monate alter Welpe erhält zu Trockenfutter
als Zusätze und Ergänzungen 100 g Rindfleisch, 200 g grünen
Pansen, ein Häppchen Leber, ein Paket Magerquark und einen Eßlöffel
Distelöl. Zur Deckung seines Energiebedarfs braucht er dann noch
ca. 500 g Trockenfutter, (während er bei ausschließlicher Verwendung
von Trockenfutter 750 bis 800 g fressen müßte). Aus den diversen
Ergänzungen kommen ca. 400 mg Calcium, in 500 g Trockenfutter sind
ca. 6 g Calcium enthalten, zum Bedarf von 8,8 g fehlen täglich über
2 g Calcium.
Welche Möglichkeiten gibt es nun für den Hundehalter, solchen
Fehlern vorzubeugen? Zunächst sollte man sich genau überlegen,
was der Hund alles erhält. Achtung, es zählt alles, was der
Hund frißt, auch Kräuterpulver und ähnliches. Am besten
man schreibt einige Tage lang alles auf, was man dem Hund gibt, und vergleicht
mit den oben beschriebenen Beispielen. Wenn sich hier gewisse Ähnlichkeiten
abzeichnen, so kann man die Größenordnung der Calcium- und
Phosphoraufnahme selbst nachrechnen, oder eine Rationsberechnung durchführen
lassen. Es gibt bereits TierärztInnen, die sich entsprechend fortgebildet
und spezialisiert haben, und selbstverständlich bieten auch einige
veterinärmedizinische Bildungsstätten diesen Service an. Die
andere Möglichkeit ist, ausschließlich Fertignahrung zu verfüttern.
Man kann entweder ein Alleinfutter, sogenannte Vollnahrung, oder ein Welpenfutter
verwenden. Ungeeignet sind dagegen Produkte für den Erhaltungsstoffwechsel,
die nur für erwachsene Hunde ausgewiesen sind, diese enthalten nicht
genügend Calcium und Phosphor für das Wachstum. Auch wenn es
nichts mit dem Calcium zu tun hat, soll an dieser Stelle nochmals darauf
hingewiesen werden, daß zu schnelles Wachstum infolge Überfütterung
mit Energie das Skelett ebenfalls schädigen kann und zwar auch ohne
daß Fehler in der Mineralstoffversorgung hinzukommen! Proteinüberversorgung
spielt dagegen nach heutigem Stand des Wissens nur eine untergeordnete
Rolle.
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